BERICHTE 

Ouvertüre im Hochsommer
(oder: Mein erstes Mal „Simris“) Von Frerk Petersen
Gerne erinnere ich mich an mein „erstes Mal“ zurück, na ja, nicht an das, woran man so landläufig zunächst denken würde. Ich rede von meiner ersten Fahrt nach Simrishamn, denn sie war in vielerlei Hinsicht absolut unvergesslich und bemerkenswert. Nicht etwa, weil wir besonders viele Fische gefangen hätten, sondern weil es für meinen Bootspartner Martin und mich eine echte Pionierfahrt war.
Im Mai 1997 hatten wir wieder einmal eine Woche lang Karlshamn unsicher gemacht – und das gar nicht mal so unerfolgreich. Wir hörten während unseres Aufenthaltes aber erste Gerüchte, wonach man in Simris angeblich mehr oder auch leichter Lachse fangen können sollte. Das hatte uns beide neugierig gemacht, und so fuhren wir auf unserer Rückfahrt zur Fähre nach Trelleborg kurzerhand im Hafen von Simris vorbei, und befanden den Slip vor Ort für traumhaft. Also stand einem späteren Testausflug dorthin nichts im Wege.
Zu dem kam es dann etwas unerwartet im Hochsommer desselben Jahres. In den frühen Sommermonaten hatte ich schon regelmäßigen Kontakt mit dem leider mittlerweile verstorbenen Heinz-Rüdiger Kranz, der auch von Simris gehört hatte und ebenso davon redete, es unbedingt dort mal versuchen zu wollen. Wie das so ist, man redet sich immer heißer und heißer... - ehrlich gesagt hatte ich das Gefühl, dass Kranz täglich im Begriff wäre, seinen Trailer mit der Beason 666 anzukuppeln und mit seinem G-Mercedes richtig Gas zu geben. Aber es blieb lange nur beim Geschnacke.
Es war die plötzliche Schicksalswendung im Leben meiner damaligen Lebensgefährtin, die mich dazu veranlasste, spontan Richtung Südschweden aufzubrechen, und zwar mitten im Hochsommer. Sie hatte ihr Politikstudium geschmissen (eine wahre Entscheidung!) und sich aus heiterem Himmel auf Lehrstellen im Tischlergewerbe beworben. Eh wir uns versahen, bekam sie Ende Juli eine Zusage für Anfang August. Nun hatten wir bis dahin keinen Urlaub in dem Jahr zusammen gemacht und mit der Aussicht, sie müsste in wenigen Tagen in Latzhose und mit Zollstock beim Lehrherren ihren Diener machen, entschlossen wir uns Knall auf Fall, einen Kurztrip nach Simris für drei Tage anzugehen. Plan war, erstens zu zelten, denn im Hochsommer bekommt man da ja nichts bezahlbares so kurzfristig gebucht, und zweitens meiner Freundin ihr geliebtes Fahrrad auf dem Boot mitzunehmen (nicht erlaubt, aber scheiß egal), und drittens, sobald sie zu ihren stundenlangen Mördertouren aufbrach, meinerseits in See zu stechen.
Bootskumpel Martin war am nächsten Morgen schnell für diesen Plan gewonnen, die Redaktion Fisch & Fang damals noch in der Spitalerstraße in Hamburg, konnte auf mich so kurzfristig glücklicherweise mal verzichten - ich im übrigen auf die im Hochsommer äußerst stickigen Räumlichkeiten dort auch. Und ein kurzer Anruf bei einer meiner Bekannten bei der TT-Line löste auch das Problem der Überfahrt, also konnte es schon am selben Abend losgehen... 22 Uhr Travemünde, aber diese Abfahrt kennen viele sicher ja.
Nun war es aber erst Mittag am Abfahrtstag. Nicht ohne einen gewissen Stolz erledigte ich dann einen Anruf bei Kranz: „ICH fahre HEUTE wirklich los“! Kranz war sichtlich verwirrt, in seiner Versicherungsagentur sitzend. Hektische Rufe nach seiner Sekretärin, nein, los könne er wirklich nicht. Er wünschte mir eine gute Fahrt.

Martin Momme mit 7 kg Meerforelle, Juli 1997, Simris, bei 30 Grad im Schatten, gefangen auf NK Mag Blau-gelb.

Eine Stunde später, ich war noch in der Redaktion, Anruf jetzt von Kranz, er hätte noch mal nachgedacht, aber es ginge wirklich nicht, es wäre auch gar kein Fährplatz mehr frei. Gegen 16 Uhr – ich nun mit Boot hinter dem Auto irgendwo in Hamburg unterwegs - Anruf von ihm erneut, schade, dass er nicht mitkönne. Ich weiß nicht, ob er mich vielleicht sogar noch einmal anrief. Er war ohne Frage heiß, aber es schien mit ihm nicht zu klappen. Es nagte spürbar an ihm, dass Herr Petersen jetzt mal eben das machen würde, wovon er wochenlang schon geredet hatte.

Martin, meine Freundin und ich waren früh auf der Fähre, an diesem schönen Sommertag. Captains Dinner war diesmal nicht angesagt, so viel Hunger hatten wir nicht, und wir wollten auch ein wenig sparen. Also aßen wir Spagetti Bolognese in der Cafeteria vorne im Schiff. Mein Handy klingelte wieder mal. Kranz, auch wieder mal.... „Herr Petersen, neben mir steht gerade so ein komischer weißer Mülleimer, auf dem steht „Wavedancer“....“ So hieß mein damaliges Boot.... Also war Kranz auf der Fähre! Bei ihm waren nun doch alle Sicherungen durchgebrannt und ein wenig hoch genommen hatte er mich offensichtlich auch noch. Ich vermute, er hat die Fahrt schon bei meinem ersten Anruf seinerseits klar gemacht.

Wie dem auch sei, wir waren ganz froh, ihn an Bord zu wissen. Erstens war es immer lustig mit ihm (hatten öfters in Karlshamn Seite an Seite gefischt und ihn auch schon mal mit geplatzter Hydrauliklenkung in den Hafen zurück begleitet), zweitens glaubten wir auch, noch was von ihm lernen zu können (konnten wir nicht, aber das merkten wir erst später) und letztlich würden wir damit auf dem Meer vor Simris nicht ganz alleine sein.

Trollingboote im Bauch der TT-Fähre: rechts meine Wavedancer, links die Beason von Kranz.

Nach der Überfahrt ging es weiter in das Hafenstädtchen. Wir wollten es ruhig angehen lassen, schließlich mussten wir auch erst unser Zelt auf dem – leider völlig überfüllten – Campingplatz aufstellen (ein Horror im Nachhinein, nie wieder!). Naja und Hafenformalitäten galt es auch zu klären. Auf der Suche nach dem Hafenmeister sagte man uns, wir könnten so slippen, müssten nichts zahlen. Das erzählte man uns in dem Gebäude hinter dem großen Kiosk am Hafen. Als wir beruhigt zum Auto zurück stapften, rannte ein Mann aus der Stadt kommend hinter uns her, der wohl mein Trollingboot auf dem Trailer erspäht hatte. Es war Jan Ljungren, den heute viele als die gute Seele von Simris kennen.
Er erzählte uns, die Gemeinde wolle das Trolling fördern und er sollte ab dem kommenden Winter den Anglern hilfreich zur Seite stehen. Die Vorstellung fanden wir schon absolut irre und unglaublich, denn im Vergleich dazu fühlte man sich in Karlshamn nie so wirklich gut aufgehoben. Jans Hilfsangebot brachte zunächst nicht viel, denn er wusste damals noch nichts, also weder fängige Plätze noch fängige Köder noch sonst was. Aber trotzdem gut zu wissen, dass es jemand gab, der einem zumindest helfen wollte (schließlich half er uns immerhin, Crash-Eis zu besorgen), zweitens hatten wir uns eh auf eine Pionierfahrt eingestellt, probieren waren wir also gewohnt.

Es folgte am ersten Abend eine kurze Ausfahrt in ein uns völlig fremdes Revier, nicht weit vor dem Hafen, ein paar kleine Dorsche gefangen mit völlig normalen Taktiken, wie wir sie auch in Deutschland praktizierten. Am zweiten Tag wollten wir ernsthafter loslegen, einmal bis zum Nachmittag, dann noch mal abends nur ein wenig Just for Fun. Kranz hatte eh seinen eigenen Plan, in den er sich auch nicht gucken ließ. Er war gerne mit uns zusammen, aber so wirklich gemeinsame Sache war nicht sein Ding. Er musste immer irgendwie den einsamen Wolf spielen, aber das passte auch zu ihm.

Das einzige, was wir über die Fischerei dort vorab gehört hatten, war, dass man weit raus musste. Was aber war „weit“? 2 Meilen, 4 Meilen? So gut 4 bis 5 Meilen draußen versuchten wir es dann am zweiten Tag. Unser Sommerinstinkt sagte uns, dass wir die Köder wohl tief unten anbieten sollten. Nur was ist tief? Ich glaube, wie haben zunächst vier Ruten an zwei Downriggern, also jeweils einmal gestackert, mit den unteren Ködern auf etwa 15 Metern Tiefe gefahren. Sicherlich nach heutigem Kenntnisstand nicht der wahre Jakob, aber das wussten wir damals noch nicht. Und zwei weitere Ruten ließen wir über die Planer-Bords mit den schwersten Kuusamos, die wir hatten, durchs Wasser pflügen.

Dieses Wasser war übrigens von unglaublichen Algenteppichen bedeckt, wie ich sie zuvor nie gesehen hatte und seitdem auch nie wieder gesehen habe. Bei weit mehr als 30 Grad im Schatten schwitzten wir uns eh den Wolf, aber in die Suppe wollten wir niemals zur Abkühlung springen. Wir rätselten auch, ob man Fische verwerten könnte, wenn wir denn welche fangen würden, oder ob die durch die Algen alle vergiftet seien. Zu Fischen kam es dann auch, zunächst ein paar sehr schöner Dorsche, die prächtig kämpften. Und plötzlich hatten wir auch silberne Kontakte, erste untermaßige Lachse, teilweise sehr kleine, muss man sagen. Und eine kleine Steelhead, alles an den Downriggern ganz unten. Zu mehr kam es aber an diesem zweiten Tag noch nicht. Bei der Spaßausfahrt am Abend war meine Freundin mit dabei und wegen schwerer Welle fuhren wir nicht weit hinaus. Martins „Markus-Wasmeier-Parodie“ (der Blondschopf war damals Deutschlands Skihoffnung...) im Bootsbug bei der Sturmfahrt gegen die Welle wäre einen Oscar wert gewesen, aber zu Fischen führte uns das nicht.

Martin bestaunt die Beason von Kranz, richtig geiles Boot, und natürlich gut für den Machofaktor...

 

Dorsche waren das erste, was wir auf unserer Tour fingen.

Abends genossen wir dann ein erstklassiges Dinner im Hotel Svea, wo Kranz mondän nächtigte und - er so ganz alleine ohne Ablenkung vor Ort - uns eben mal zu einem Essen einlud. Will nicht sagen, dass wir schon darauf gepokert hatten, aber unwillkommen war es uns nicht – besser als eine Dose Ravioli vom Trangia-Campingkocher.
Am dritten Tag, auch schon unser letzter, wollten wir dann richtig angreifen. Gaaaanz weit raus, gaaaanz tief nach unten. Der Versuch, Kranz zu einem gemeinsamen Start morgens zu überreden, scheiterte. Er schwafelte was von 6 Uhr würde er losfahren, aber da war er natürlich schon nicht mehr im Hafen. Vielleicht auch besser, meine 50 japanischen Hondapferde hätten wohl eine schmerzliche Schlappe gegen seine 225 Trichter-in-den-Benzintank-saugenden Mercury-Gäuler einstecken müssen.
Um nicht ganz auf dem Wasser alleine zu sein, wollten wir ihn dann irgendwo auf den Weiten der Ostsee finden. Richtung Bornholm wolle er, tönte er noch am Vorabend. Wir also auch kurzerhand Kurs dem Eiland, dass man im klaren Morgenlicht ganz gut sehen konnte, nachdem wir schon eine halbe Stunde mit Vollgas geballert waren. Von Kranz aber noch keine Spur. Also weiter. Nach einer knappen Stunde sahen wir in der Ferne einen Punkt am Horizont. Kranz.

6 Ruten fischen wir damals.

In Badehose mit Sonnenbrille, diversen Angeln an diversen funktionierenden Downriggern und nicht funktionierenden Downriggern (das war bei ihm so) im Wasser, und freche Schnauze. So kannten und mochten wir ihn. Er hätte schon ein paar Kontakte gehabt, aber noch nichts zählbares. Die vermeintlichen Kontakte waren uns Anlass, ein Stückchen parallel mit ihm nun gen Norden zu schleppen. Sein Speed war mir aber auf Dauer zu langsam und so verzog ich mich ein Stück weiter nach Norden, etwa zwischen die Plätze, die man heute Ruski und Mittelsten nennt, aber davon hatten wir damals wie gesagt noch keine Ahnung.
Wir fischten jetzt auch deutlich tiefer, vielleicht schon mal so was wie 25 Meter. Wir hatten die Köder einfach stumpf tiefer abgelassen, allerdings noch ohne die Paarung mit einem Flasher oder Dodger. Deren Bedeutung in Simris lernte ich erst nach dieser ersten Pionierfahrt kennen. Dennoch fingen wir erneut zwei oder drei untermaßige Lachse, so dass wir sicher waren, auf dem richtigen Weg zu sein. Kranz berichtete über Funk ähnliche Ergebnisse, also war er uns hinsichtlich des Erfolgsrezeptes noch nicht voraus.
Am frühen Nachmittag - gegen Kaffeezeit wollten wir aufhören, um abends noch bequem die Fähre zu erreichen - entschieden wir uns, noch tiefer `runter zu gehen. 120 Fuß, also 40 Meter - probieren wollten wir das wenigstens mal. Es dauerte nicht lange und wir hatten einen guten Fisch im Drill. Übrigens auf einen NK Mag, den ich selbst auf blau-gelb getapt hatte. Eher zähe Fluchtversuche ließen uns schon damals „Lachserfahrene“ an einen Dorsch denken, Lachse würden furioser kämpfen. Umso erstaunter waren wir, dass doch was silbernes an die Oberfläche kam, in Form einer phantastischen Meerforelle von etwa 7 kg, und das ganze bei 30 Grad im Juli. T-o-t-a-l geil. Sie kam gleich auf Eis in die Coleman-Box, wir waren rundum happy, schließlich hatten wir in einem uns völlig fremden Revier die ersten richtigen Schritte unternommen und auch gleich Erfolg gehabt. Kranz gratulierte noch auf dem Wasser, wobei er uns fast umgebrettert hätte, so rasant schoß er auf uns zu, nachdem wir ihm über Funkt informiert hatten.
Im Hafen zurück trafen wir dann noch einen missmutigen Guide, dessen Name ich besser verschweige, der sich ärgerte, dass wir Nobodys vor den Augen seiner zahlenden Gäste so einen tollen Fisch gefangen hatten, er aber leer ausgegangen war. Sei’s drum, dachten wir uns.

Algenteppiche auf dem Wasser im Hochsommer.

Besonders genossen wir die Hafeninfrastruktur. Wo konnte ich sonst schon mal mein frisch geslipptes Boot mit Süßwasser abwaschen. Kranz halfen wir noch dabei, seine Mörderschüssel auf den Trailer zu wuppen und ab ging es nach Hause.
Ich habe seitdem sicher viele größere und viel mehr Fische in Simris gefangen, aber diese erste Fahrt bleibt in meinen Erinnerungen sicher ewig was besonderes. Wer heute hin fährt, kann bei der Fülle an zur Verfügung stehenden Informationen fast schon nichts mehr falsch machen. Wir hingegen damals schon. Und mit dem Wissen und den Techniken von heute hätten wir sicher auch ganz anders gefangen. Aber das zählte nicht, die Tour war mit all seinen kleinen amüsanten Details einfach rundum befriedigend.
Manchmal schon fast ein wenig schade, dass man so viel weiß. Die Unbeschwertheit bleibt dann zu leicht auf der Strecke.

Das geslippte Boot frisch gewaschen im Hafen, fertig für die Heimfahrt.

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